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„Also: ein `Sesselpupser´ ist ein fauler Mensch. Ganz klar. Er sitzt den lieben langen Tag in seinem Sessel und macht sich so seine Gedanken. Ziemlich unspektakulär. Ein Theaterstück über ihn sähe ungefähr so aus: Zur Musik von Vivaldis `Vier Jahreszeiten´ hebt sich der Vorhang. Ein Ohrensessel steht mitten auf der Bühne. Er wird durch ein warmes Licht von hinten angestrahlt, so dass man nicht erkennen kann, ob jemand darin sitzt. Die Musik verstummt. Ruhe. Leises Hüsteln und Rascheln im Publikum. Plötzlich räuspert sich jemand, gleichzeitig knallt ein Licht an und man erkennt einen Mann lässig im Sessel sitzen, der intensiv damit beschäftigt ist, in der Nase zu bohren. Im Hintergrund Vivaldis `Vier Jahreszeiten, Frühling, leise. Er trägt einen grauen Jogginganzug, weiße Socken und Badelatschen. Die Beine hat er übereinander geschlagen. Er ist dabei, einen Krümel aus seiner Nase zu lösen, Musik wird langsam lauter, hält ihn schließlich zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand, Musik verstummt, und schnippt ihn ins Publikum, Musik erhebt sich und fährt leise fort. Er furzt sehr laut und seufzt. Schaut ins Publikum. Musik aus. Über Lautsprecher hört man seine Gedanken.
„Das hat jetzt ein bisschen weh getan. War schon verkrustet. Liegt wohl an der trockenen Luft. Vielleicht sollte ich einen Luftbefeuchter an die Heizung hängen? Aber dann darf ich ihn jedes Mal wieder auffüllen und am Ende verschimmelt mir das Vlies noch darin. Sind halt die billigen Luftbefeuchter. Aus Plastik. Mit Vlies drin. Ne du, das mach´ ich doch nicht. Vielleicht eine Schale mit Wasser? Hab ich auch keine Lust zu. Sieht doof aus. Die verkalkt ewig. Dann verkrusten sie eben! Bringt eh´ mehr Spaß und lassen sich weiter weg schnippen.“
Schnippt einen weiteren Krümel ins Publikum.
„Wenn ich jetzt aufstehe und durchs Zimmer latsche, bleiben die womöglich an meinen Sohlen kleben. Das wäre ja eklig! Würde ich überall hin verschleppen.“
Stoppt Nasenbohren.
„Vielleicht sollte ich die Dinger einfach essen? Aber dann würde ich mir die ganzen Schadstoffe, die meine Nasenbehaarung aus der Luft filtert einverleiben. Ob das so gesund wäre? Doch diese Krümel sind eh´ klein. Wenn es nicht gerade hochgiftige Stoffe sind, dürfte es wohl nichts ausmachen. Aber über Jahrzehnte gegessen? Ob sich das auswirkt? Vielleicht gibt es Wissenschaftler, die sich schon mit dieser Frage beschäftigt haben? Muss ich vielleicht mal in Google eingeben. Vielleicht finde ich da etwas. Vielleicht auch etwas über die Technik des Nasenbohrens. Das könnte hilfreich sein. Vielleicht steht da irgendwo ein Tipp, wohin man diese Krümel aus einem Sessel schnippt? Früher hat es ja auch Spucknäpfe gegeben. Da haben die Leute ´reingespuckt. Vielleicht gibt es so was für Krümel aus der Nase?“
Fährt mit Nasenbohren fort. Fördert einen weiteren Krümel aus der Nase, rollt ihn zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand und schnippt ihn diesmal über die linke Lehne des Sessels.
„Ob meine Latschen schwerer werden, wenn ich das zehn Jahre lang mache? Ob ich darauf ausrutsche? Eklig! Vielleicht fressen Silberfischchen die Krümel gern. Das wäre ja wie Fische füttern. Und Gott weiß, die haben auch ihre Daseinsberechtigung! Warum sollte ich sie nicht füttern, statt sie andauernd zu zertreten? Das gibt immer so einen blöden silbrig- staubigen Fleck auf den Fliesen. Aber, wenn die Staub fressen, schmeckt denen so ein Krümel auch!“
Bohrt intensiv in der Nase.
„Vor ein paar Tagen sind mir richtig die Tränen gekommen, so hart war der Krümel. Hat direkt ein bisschen geblutet. War aber nicht so schlimm, verkrustete gleich wieder. Das ist immer interessant: die Kruste bleibt einige Tage dran, kriegt man nicht ab und dann irgendwann löst sie sich und ich bin richtig erleichtert. Bis zu dem Tag kann ich mich gar nicht mehr richtig konzentrieren! Hab da immer nur dieses dumme Gefühl in der Nase, da müsse unbedingt etwas raus! Das stört richtig! Aber dann: welche Erleichterung. Es ist, als könnte ich wieder richtig klar denken und mich auf die wesentlichen Sachen des Lebens konzentrieren. Das ist schön!“
Und bohrt. Im Hintergrund leise Vivaldis `Vier Jahreszeiten´.
„Ob man es mir ansieht, wenn ich in der Nase gebohrt habe? Ob meine Nase rot wird? Wäre schon peinlich, wenn gerade jetzt jemand hereinkäme. Zwar schaffe ich es noch rechtzeitig, meinen Finger aus der Nase zu bringen, wenn ich aber eine anstrengende Sitzung gehabt hätte, wäre meine Nase bestimmt rot. Und das würde auffallen. Aber, ich würde einfach sagen, ich hätte Schnupfen. Und die Sache wäre erledigt. Der Besucher würde nicht einmal die vielen Krümel auf dem Boden bemerken, wenn er nicht gerade mit einem Vergrößerungsglas hereinspaziert! Dann kleben sie unter seinen Schuhen! Und er geht nach hause, streift seine Schuhsohlen auf der Fußmatte ab und dort kleben sie dann vor seiner Haustür. Der nächste Gast kommt zu ihm, muss seine Schuhe nicht ausziehen, die Krümel kleben sich unter seine Schuhsohle und schon schleppt er sie in die Wohnung ein. Das fiese ist: niemand ahnt es auch nur! Irgendwann kleben sie vielleicht im Wohnzimmerteppich. Die einzigen, die davon Wind bekommen, sind die Silbefischchen und Milben. Vielleicht ist derjenige noch verheiratet! Dann kommt die hübsche Frau ins Wohnzimmer, hat Lust auf ihren Mann, ist vielleicht schon im Schlafanzug oder verführerischer Unterwäsche oder vielleicht sogar nackt, betritt verführerisch den Teppich, Krümel kleben sich unter ihre reizenden Füße, sie lockt ihren Mann ins Ehebett, steigt ein und da kleben sie in der Bettwäsche. Niemand weiß davon! Irgendwann kleben sie ihm an den Händen und ihr an ihrer intimsten Stelle!“
Hält inne und besieht sich einen Krümel. Musik verstummt.
„Ganz klar: das wird ein Nasenbohrer! Eklig! Wenn ich mir vorstelle, dass bei diesem Liebesspiel die Frau plötzlich den Krümel im Mund hat und dann meinen..., ne du! Da sollte man lieber die Fußmatte regelmäßig ausklopfen!“
Schnippt den Krümel fort, Musik leise weiter.
„Hab mir schon mal einen Krümel gelockert und dann versehentlich die Nase hochgezogen. Der ist mir dann direkt in meine Luftröhre geflogen. Das hat ganz schön gebrannt. Aber, wozu hat man den Hustenreiz. Ich habe gehustet und hatte den Krümel im Mund. Ausspucken wollte ich ihn auch nicht. Wohin denn? Vor den Sessel? Ne, das wäre ja eklig! Hab ihn erst kleingekaut und dann runter geschluckt. Hat ein wenig süß- sauer geschmeckt. Wie beim Chinesen. Daran kann man sich direkt gewöhnen. Aber, wie gesagt: auf Dauer lieber nicht. Wer weiß, ob ich nicht die Ausdünstungen meiner Holzdecke mit aufnehme? Auf Krebs habe ich keinen Bock! Ach, die Ziegenböcke: die scheißen ja auch solche Krümel. Wenn ich die sehe, überkommt mich immer so ein heimeliges Gefühl. Weiß auch nicht, warum. Manchmal, eigentlich in letzter Zeit immer öfter, zupfe ich mir beim Nasenbohren Nasenhaare mit aus. Büschelweise.“
Dreht einen Krümel zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und betrachtet ihn.
„Ob man diese Haare bemerkt? Jedenfalls sind die für die Silberfischchen zu hart und zu groß. Die Haare kleben manchmal noch in den Krümel drin der ich rupfe sie mir einfach so aus. Sind ja echt lästig, die Haare. Aber, es bringt Spaß. Ich drehe immer ein paar zusammen, solange, bis sie sich ein wenig gelockert haben und dann – ein Ruck und sie sind aus. Wenn man das öfter macht, tut es nicht mehr weh. Vielleicht bekommt man eine dünne Hornhaut. Oder die Nerven gewöhnen sich an den Schmerz. Manchmal ist es eine richtige Herausforderung, diese Haare von den Krümeln zu trennen. Das mach ich im Mund. So lange lutschen, bis sich beides getrennt hat. Ich spucke die Haare aus und schlucke den Rest hinunter. Die Haare sind sauber, sie kleben dann nicht auf dem Boden, wenn sie getrocknet sind, sondern werden in irgendeine Ecke geweht. Da fallen sie nicht so auf und beim nächsten Staubsaugen sind sie dann weg.“
Schnippt den Krümel weg und bohrt weiter.
„Manchmal macht es mich richtig wütend, wenn ich nichts mehr in der Nase habe, wenn sie blitzblank gebohrt ist. Das ist richtig lästig! Da hast du dich die ganze Zeit damit beschäftigt, die Krümel zu Tage zu fördern und dann ist plötzlich nichts mehr da! Das ist ungefähr so, als wenn man siebzig Jahre arbeitet und von einem Tag auf den anderen in den Ruhestand geht! Pfui Teufel! Erst einmal ist man fassungslos. Was, das war schon der letzte? Man sucht noch ein wenig herum, findet aber nichts mehr zu tun. Vielleicht greift man dann in seiner Not zu den Nasenhaaren, da sind aber auch nur noch die ganz kurzen! Und dann? Na ja, heute Abend oder morgen wieder! Letztens war ich einkaufen. Im Getränkemarkt. Steht vor mir an der Kasse ein Mann mittleren Alters. Ein fröhlicher, sympathischer Typ, winterlich gekleidet und – stinkt nach Schweiß! Mann, das war eklig! Zunächst dachte ich, es käme von mir, aber dann bemerkte ich, es war sein Geruch! Aber, was sollte ich tun? Ich versuchte es mit Luft- anhalten, aber, als mir die Luft ausging, musste ich noch tiefer einatmen! Ich entfernte mich zwar ein ganzes Stück, aber sein Schweißgestank schien sich überall eingebrannt zu haben! Was sollte ich tun? Ich atmete nicht so tief ein, das half ein wenig. Aber immer noch eklig genug, dass es sich mir einprägte und ich jetzt daran denke. Auf alle Fälle sitze ich zuhause im Sessel und überlege, ob ich diese Krümel essen kann. Mit Schweißgestank dieses Mannes dran.“
Holt eine Flasche Bier neben seinem Sessel hervor, setzt genüsslich an, trinkt, stellt sie ab und bohrt weiter.
„Ich bin von Natur aus neugierig. Vielleicht, kann schon sein, mir wird diese Eigenschaft einmal zum Verhängnis. Aber, ich bring´ dieses Ding aus meiner Nase und berühre es vorsichtig mit meiner Zungenspitze. Es brennt ein wenig, nicht scharf, auch nicht süß, aber es brennt. Ich befeuchte sie mit Speichel, das Brennen verschwindet. Ich werde mutiger und beiße ein Stück mit den Schneidezähnen ab. Verdammt, das Zeug klebt auf ihrer Oberfläche. Ich lutsche es also ab. Wieder dieses Brennen auf der Zungenspitze. Ob das die Duftmoleküle dieses Mannes sind? Was geschieht, wenn ich sie hinunter schlucke? Nehme ich damit einen Teil dieses Mannes in mich auf? Pfui Teufel! Das wollte ich auf keinen Fall! Wer weiß, was der so auf seiner DNA trägt? Von einer hübschen, nackten, erotischen Frau gern, aber von so einem Typen? Nee du! Ich schlucke versehentlich und schon ist der Krümel ´runter. Verdammt! Ich bekomme eine Gänsehaut, mag gar nicht beim nächsten Mal auf Toilette kacken gehen. Besser, ich nehme einen Schluck Bier dazu. Dann verdünnt es sich und wird vielleicht vom Körper übersehen, sozusagen heimlich ausgeschieden.“
Schnippt den nächsten Krümel ins Publikum, nimmt einen Schluck aus der Flasche, seufzt und bohrt weiter.
„Ich kenne jemanden, der bohrt auch in der Nase. Der ist anders drauf, als ich. Der macht sich einen Spaß daraus, anderen Leuten seine Krümel weiter zu geben. Bevor er jemandem die Hand reicht, bohrt er heimlich in der Nase. Und der Mann ist im Außendienst! Der hat richtig viele Hände zu schütteln. Und muss ziemlich viele Krümel in der Nase haben! Ich denke dann immer an den Lebensweg seiner Nasenkrümel: erst setzte er sich unbemerkt auf die Hand seines Gegenübers. Der schüttelt vielleicht dem nächsten die Hand und schon klebt er an dessen Hand. Vielleicht hat der eine weibliche Vorgesetzte, die er artig begrüßt, ihre Hand schüttelt und schon hängt das Ding an ihr. Sie fährt sich dann vielleicht schnell einmal durch ihr Haar und schwups, haftet er da drin! Ihr Mann zuhause nimmt sie vielleicht in den Arm, schnuppert an ihren Haaren, zieht ihren Duft tief ein und zack – hat ihn der Nasenkrümel jenes Außendienstlers erreicht. Im Höchstfall wird in ihm die Erinnerung an etwas Süß- Saures geweckt und, wenn er Nasenkrümelspezialist wäre, wüsste er sofort, was passiert ist. Andernfalls wird er diesen Krümel vielleicht irgendwann als den seinigen zutage fördern und, im Extremfall, als den seinen essen. Dann schnell noch ein Kuss von seiner Frau auf den Mund und alles ist perfekt! Ne, ne, ne. Schon ne komische Vorstellung, wenn ich daran denke, der gesamte Boden hier wäre voll von Nasenkrümeln. Ob die mit der Zeit beginnen zu stinken? Ich glaube, die trocknen mit der Zeit und wenn man die nicht fortsaugt, werden die zu Staub und fliegen in der Luft herum. Darum atme ich auch nicht tief ein, wenn ich irgendwo zu Besuch bin. Ne, das ist mir meine Gesundheit nicht wert. Im Schlafzimmer, hab´ ich mal gelesen, hat man in der Matratze Millionen Milben. Manchmal füttere ich die ganz bewusst. Ja. Im Bett kann man die Krümel ruhig verstreuen. Die werden gefressen von Milben. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich diese kleinen Biester darüber hermachen. Sie werden regelrecht von diesen Krümeln angezogen! Dann kommen sie aus den kleinsten Löchern und ritzen angekrabbelt und stürzen sich darauf. Das ist meine Stunde! Ich mag diese Viecher nicht und ich bilde mir ein, vielleicht weiß ich es sogar, die haben mich einmal in einer Nacht regelrecht überfallen. Ja. Am gesamten Körper hat es gejuckt und gekrabbelt, die ganze Nacht konnte ich kein Auge zu tun. Aber diese Krümel sind gute Köder! Sind sie erst einmal alle hervor, komme ich mit meinem Staubsauger über sie. Und dann fühle ich mich in der Nacht pudelwohl in meinem Bett.“
Betrachtet sich einen weiteren Krümel.
„Im Winter, wenn es ordentlich gefroren hat und ich draußen heimlich bohre, gefrieren die Krümel sofort. Ja, sie haben ja einen Wasseranteil in sich. Sie gefrieren und tauen erst im kommenden Frühjahr wieder auf. Sie liegen dann im Schnee und deshalb beteilige ich mich nicht gern an Schneeballschlachten. Das ist mir zu eklig. Am Kopf getroffen oder in den Mund geschossen, ne. Manchmal schmeckt der Schnee richtig süß- sauer und salzig. Dann hab ich schon genug! Aber nicht immer sind es Krümel, die ich mir aus der Nase hole. Man hat ein echtes Problem, wenn sie eine zähe Konsistenz haben, richtig schleimig sind und an einem zusammenhängenden Faden hängen. Das geht mir nach Stirnhöhlenentzündungen so. Ich mag die Nase nicht hochziehen, ich glaube, dann setzt sich alles nur noch mehr da oben fest. Nein, ich schnaube aus und im Idealfall habe ich ein Taschentuch dabei – im Idealfall! Und der kommt nicht so häufig vor. Dann muss der Zeigefinger ran. Manchmal schaffe ich es, ein Stück des Faden an ihn zu haften und den gesamten Faden, der auch schon mal bis in die tiefste Stirnhöhle reicht, heraus zu ziehen. Ich bin dann immer ein bisschen zwiegespalten. Es ist ein Gefühl zwischen `Ah, schön, diese Befreiung!´ und Ekel, wenn ich mir den Strang betrachte. Wie ein Gummiband schnellt er meistens aus der Nase und bleibt am Finger hängen. Gelegentlich verteilt er sich über meinen Handrücken, dann wische ich ihn einfach an meiner Jogginghose ab. Das ist kein Problem, denn dort trocknet er aus und ich kann ihn ganz leicht mit dem Fingernagel abkratzen. Sieht zwar blöd aus, unter dem Fingernagel, aber man kann ihn ja ganz schnell mit den Zähnen säubern oder, wenn gar nichts geht, abkauen und wegspucken. Auf einem weißen Fliesenboden fällt das nicht auf. Hängt er allerdings am Finger, lutsche ich ihn auf. Eklig, wenn er schon erkaltet ist, ganz gut, wenn er noch warm ist. Man kann die Stirnhöhlenentzündung regelrecht schmecken. Ja, das ist kein Witz! Ich kann mir so die Information verschaffen, in welchem Stadium sich meine Stirnhöhlenvereiterung befindet. Richtig dick, warm und süß bedeutet: Junge, du musst mehr Medizin schlucken! Also haben auch die Ärzte und Apotheken etwas von meiner Nasenbohrerei. Bitter und lauwarm bedeutet: jetzt ist es bald überstanden. Und man muss ja über den Zustand seines Körpers informiert sein! Aber, als gewissenhafter Mensch frage ich mich manchmal auch, was geschieht mit dem grünen Schleim, der an meiner Jogginghose trocknet? Ein Teil löst sich in Staub auf, noch bevor ich ihn abgekratzt habe. Trocknen die Viren oder Bakterien auch ein? Was, wenn jemand diesen Staub einatmet? Erweckt die Feuchtigkeit seiner Nase diese Bakterien und Viren wieder? Bekommt er eine Stirnhöhlenentzündung? Ich wünsche das niemandem, es ist sehr schmerzlich, aber immer wieder interessant, sie auszubohren!“
Schnippt den Krümel von sich.
„Wenn ich daran denke, wie alt ich bin und wie oft ich schon gebohrt habe! Die Mengen! Und erst recht in dieser Wohnung. Doch, ich vertraue da auf die Kräfte der Natur. Die kleinen, winzigen Lebewesen, die da in meiner Wohnung so unterwegs sind, werden es schon richten. Und ich glaube sogar, sie haben es bisher immer gründlich getan!“
Klopft auf seine Nase und streckt sich im Sessel aus.
„Oft sehe ich Autofahrer, die haben ihren Finger tief in der Nase. Vor allem LKW- Fahrer. Ich frage mich oft, ob die sich eigentlich nicht schämen. Doch dann denke ich, warum sollten sie? Sie sehen mich sowieso nie wieder. Aber da ist bei mir dieser unauslöschbare Eindruck, den sie hinterlassen haben: sie bohren während der Fahrt in der Nase! Das gibt einen schlechten Eindruck. Aber, es sind nicht nur die LKW- Fahrer, auch die PKW- Fahrer, die mit krümelbewehrten Händen ihr Lenkrad gepackt halten und ihre Nasenkrümel auf die Fußmatte streuen. In meinem eigenen Wagen habe ich schon nachgesehen, ob ein heller Nasenkrümel auf schwarzem Lenkrad auffällt. Nein, er fällt nicht! Jedenfalls, wenn er nicht gerade Brockenausmaße erreicht. Aber, wer oft und lange im Auto unterwegs ist, wird diese Krümel überall kleben haben. Auf dem Polster des Fahrersitzes zwischen den Beinen, an der Tür, am Schalthebel, am Radio, am inneren Rückspiegel, am Navigationsgerät, am Autotelefon, am Kilometer- Rückstellknopf, am Hebel zum Verstellen des Sitzes, an der Krawatte, am Hosenbein, am untersten Saum des Sakkos, am Aschenbecher und am Gurt. Überall lauert der Nasenkrümel, oft im getrockneten Zustand. Deshalb gebe ich jemanden, der gerade aus seinem Auto steigt, auch nicht gern die Hand. Ich weiß, was vorher in seinem KFZ los war! Aber, es ist nicht so, dass ich mich darüber aufrege, nein, das ist doch normal. Was mich aber mal interessierte: bohren Frauen auch? Und während einer Autofahrt entdeckte ich plötzlich eine Frau, die in der Nase bohrte! Natürlich musste ich sofort daran denken, was geschehen würde, wenn sie nach hause käme und ihren Schatz begrüßte. Ein dicker Kuss auf den Mund und sie teilte sich mit ihrem Liebsten den Geschmack ihres süß- sauren- salzigen Innenlebens. Nicht auszudenken, wenn sie eine Stirnhöhlenentzündung hinter sich gebracht hätte. Ja, manchmal kommt mir meine Nase vor, wie ein Salzstreuer, derart trocken und pulverförmig, dass alles von selbst herausfällt. Wenn ich niese, muss ich dann insgeheim grinsen.“
Die Musik verstummt, das Licht erlischt, der Sesselpupser pupst. Der Vorhang senkt sich.